Jan Drehmel, Kristina Jaspers (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein. Verortungen eines Genies

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Jan Drehmel, Kristina Jaspers (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein. Verortungen eines Genies, Hamburg: Junius Verlag 2011 [= Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Schwulen Museum, Berlin, 18.3. bis 13.6.2011], 151 S. (zahlr. Abb.), ISBN 978-3-88506-475-6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Anlässlich des 60. Todestages fand im Berliner Schwulen Museum die Ausstellung Ludwig Wittgenstein. Verortungen eines Genies statt. Ziel dieser durch die Kulturstiftung des Bundes geförderten Exposition war es, Wittgenstein in mehrfacher Weise zu „verorten“: einerseits im Sinne einer Einordnung seines Werkes in die europäische Kultur- und Geistesgeschichte mit ihren unterschiedlichen intellektuellen Strömungen, andererseits im räumlichen Sinne in Bezug auf die verschiedenen, über seine Lebenszeit hinweg frequentierten Lebens- und Denkorte.

Sicherlich eignet sich ein rastlos zwischen mehreren Staaten Hin- und Herziehender, ein bis zur Selbstverzweifelung selbstkritischer, eigensinniger, jähzorniger, widersprüchlicher, extrem strenger, phasenweise depressiver und durchaus auch exzentrischer und herrischer Intellektueller in besonderer Weise als Gegenstand einer umfangreichen kulturhistorischen Ausstellung. Wittgensteins vielseitige Talente, ob in der Sphäre der Philosophie, der Musik, der Logik und Mathematik, dem Ingenieurwesen, der Literatur, der Fremdsprachen, der Kunst, der Architektur oder der Ornithologie, um nur einige zu Bereiche nennen, sowie sein außergewöhnlicher Familienhintergrund als Sohn eines Großindustriellen sowie die sein Leben kennzeichnenden biographischen Brüche machen ihn zu einem geradezu perfekten Objekt für jeden Ausstellungsmacher. Wenn man zudem noch die Bedeutung und die inhaltlichen Aspekte seines umfangreichen und fundierten Gesamtwerks hinzuzieht, so ist der Rekurs auf den Geniebegriff des ausgehenden 19. Jahrhunderts unabdingbar.

Es ist der Verdienst der Ausstellungskuratoren und zugleich der Herausgeber des Begleitbuches, Kristina Jaspers und Jan Drehmel, eine Vielfalt von Facetten des Denkers Ludwig Wittgenstein für ein breites Publikum erfahrbar zu machen. Ebenso ist grundsätzlich als angenehm herauszuheben, dass die Herausgeber sich selbst mit Urteilen betont zurückhalten und sich vielmehr auf das Andeuten und Hinweisgeben beschränken. Dies gelingt bei vielen Facetten der Persönlichkeit Wittgensteins vortrefflich. Sei es bei der Darstellung seiner Tätigkeit als Mathematiker, Bildhauer, Fotograf, Architekt, Reisender usw. oder bei der Beschreibung und Dokumentation seines Familien- und Freundeskreises, seiner Auseinandersetzung mit der Religion, seiner Kriegsberichte, seiner privaten Korrespondenz, seiner Aufenthaltsorte etc. Zugleich schiebt sich aber auch ein schwerwiegendes Problem in den Vordergrund, denn der Ort der Ausstellung muss zwangsläufig nicht nur als „Ort der Verortung“, sondern vielmehr auch als eine „Art von Verortung“ angesehen werden, und das obwohl die beiden Herausgeber in ihrer Einleitung selbst richtig einräumen: „Über Wittgensteins Homosexualität kann nur gemutmaßt werden. Er hat sich zu keiner Zeit öffentlich zum Thema Sexualität geäußert; seine Freundschaften zu meist jüngeren Männern wie Francis Skinner oder Ben Richards wurden in Cambridge-Kreisen nicht zum öffentlichen Diskussionsgegenstand. Seine Tagebucheinträge und Korrespondenzen können auch in Hinblick auf seine generelle Auseinandersetzung mit den Polen Sinnlichkeit und Askese, auch Schuld und Sühne betrachtet werden.“ (11)

Wenn aber die Sexualität Wittgensteins nur vermutet werden kann, dann bedarf es weiterführender Erläuterungen, warum eine solche Schau gerade im Schwulen Museum stattfindet. Michael Fürst, Mitglied des Museumsvorstands, lässt in seinem Grußwort wissen: „Die Arbeit des Schwulen Museums besteht seit seiner Gründung im Jahr 1986 darin, sich in Form von Ausstellungen und Veranstaltungen der Kulturgeschichte homosexueller Männer und seit einigen Jahren auch lesbischer Frauen sowie offenen Geschlechterkonzepten zu widmen.“ (7) Wenn dem so ist, dann wäre der Ausstellung und dem Begleitbuch zwangsläufig die Aufgabe zugefallen, das Geschlechtskonzept Wittgensteins detailliert zu durchleuchten und zu hinterfragen. Aber genau dieser Aufgabe kommen weder die Ausstellung noch der Katalog nach. Eine Diskussion wird unter allen Umständen vermieden, indem man eine polyphone Kakophonie zulässt, die in Sachen Sexualität alles und zugleich nichts aussagt. Thesen werden unbelegt und unhinterfragt in den Raum gestellt, Andeutungen werden zu faktischen Aussagen – doch all dem fehlt jegliche wissenschaftliche Grundlage. In dieser Hinsicht ist das Buch eine echte Zumutung.

Der Band muss sich, wenn man an einem solchen Ort eine derartige Verortung vornimmt, zwingend diesem Kontext stellen und zumindest unter Hinweis der bekannten Literatur und Quellenlage die ambivalenten Positionen zur Sexualität Wittgensteins dem Publikum offen darlegen. Ob dies für seine Philosophie relevant ist, ist meines Erachtens mehr als zweifelhaft. Wer aber Wittgenstein im Schwulen Museum eine Ausstellung widmet, ordnet ihn automatisch ein, auch dann, wenn das Begleitbuch z.B. im Grußwort von Michael Nedo, Leiter des Wittgenstein Archive Cambridge, eine anderslautende Meinung wiedergibt: „Wittgenstein im Schwulen Museum – das könnte falsch verstanden werden, wenn man unter schwul homosexuell versteht. Wittgenstein war, so viel wir wissen, nicht homosexuell. Die drei Lieben seines Lebens, David Pinsent, Francis Skinner und Ben Richards, zeigen aber, dass er sehr wohl homoerotisch war; gleichzeitig galt er als »Ladies’ Man« und war einmal so gut wie verlobt. Das Erotische hat in Wittgensteins Leben und in seinem Arbeiten eine zentrale Bedeutung, für ihn ist es die Grundlage von Kreativität und Mut und damit die Grundlage alles Poetischen.“ (8)

Als Herausgeber der Wiener Ausgabe kommt Nedos Einschätzung ein bedeutendes Gewicht zu. Geht sie doch u.a. mit der Einschätzung der Wittgenstein-Bekannten Fania Pascal einher, die in ihren Erinnerungen zu Protokoll gegeben hat: Wittgenstein musste unablässig „seine Arbeit tun, und in dieser Hinsicht war er auf ein Grüppchen ausgewählter Schüler und Jünger angewiesen […]. Falls jemand fragt, ob diese Bindung in irgendeiner Form oder Weise homosexueller Art war (und diese Frage ist ja heute sehr modern), kann ich nur antworten, daß mein Mann und ich selbst sowie meines Wissens alle anderen seiner Bekannten stets den Eindruck hatten, Wittgenstein sei von Natur aus ein keuscher Mensch gewesen. [… ] Alles an ihm war außergewöhnlich sublimiert.“ [Fania Pascal, „Meine Erinnerungen an Wittgenstein“, in: Ludwig Wittgenstein: Porträts und Gespräche, hrsg. von Rush Rees, Frankfurt a. M. 1992, 35-83, 81 f..] Während Nedo Wittgenstein als nicht homosexuell, aber homoerotisch verortet, erfasst Fania seine Sexualität als „sublimiert“, während hingegen Justus Noll sich in seinem Beitrag „Schüler, Freunde und Liebhaber“ der Homosexualität Wittgensteins zweifelsfrei sicher zeigt, ohne auf Nedo und andere abweichende Interpretationen überhaupt Bezug zu nehmen. Noll verweist auf die altbekannten Quellen von William W. Bartley III. und Ray Monk, wobei Monk sich wiederum primär auf Bartley beruft. [Vgl. William Bartley, Wittgenstein. Ein Leben, München 1983; Ray Monk, Wittgenstein. Das Handwerk des Genies, Stuttgart 1992.] Letztlich dreht sich also alles um Bartley, der bekanntlich bis zu seinem Tod „unter keinen Umständen die Namen seiner Informanten preisgeben“ wollte und sich „daher den bis heute nicht widerlegten Vorwurf gefallen lassen [muss], seine Behauptungen erfunden zu haben.“ (96) Dies stellt Noll selbst fest, um dann nichtsdestoweniger die Homosexualität Wittgensteins als faktisch gesichert und bewiesen darzustellen. Die Textstellen in seinem Beitrag mögen geschickt zusammengetragen sein, den Beweis, dass Wittgenstein schwul war, erbringen sie nicht.

Ein ähnliches Bild findet sich auch im Beitrag des Cambridge-Professors John Forrester, der unter Hinweis auf Virginia Woolf behauptet, dass Homosexualität der „Normalzustand“ in Cambridge war. Wörtlich: „Die Männerdominanz war 1911 sozusagen der Normalzustand im sozialen Leben von Cambridge. Homosexualität war üblich, aber meist wurde keine Notiz von ihr genommen. Der Kreis der Apostles, in den Wittgenstein eingeführt wurde, unterlag jedoch einem Wandel, der eine schonungslose Ehrlichkeit gegenüber sexuellen Angelegenheiten bewirkte, die Virginia Woolf später preisen sollte. Damit verbunden existierten zahlreiche Liebesaffären unter den Mitgliedern und eine unablässige Korrespondenz über diese Affären – eine offen sexualisierte Kultur, die Russell missbilligte, an der Keynes jedoch teilhatte. Aus späteren Bemerkungen über Wittgensteins Abneigung gegenüber jeglicher Art von Diskussion über Sexualität, insbesondere wenn Damen zugegen waren, lässt sich entnehmen, dass dieser Aspekt bei den Apostles Wittgenstein abschreckte. Seine intensiven Freundschaften, seine homosexuellen Liebschaften, sollten dem Schema folgen, dem alle seine Beziehungen entsprachen: eine einsame Intensität, man könnte sagen, äußerst privat und permanent bedroht, und dies, so ließe sich mutmaßen, aufgrund der schwierigen Frage nach der Sexualität.“ (29) Und über diese vage Mutmaßung kommt Forrester dann zu folgendem Urteil: „Es waren keine flüchtigen Leidenschaften; sie waren vermutlich ebenso von Sexualität wie von Liebe durchdrungen.“ (ebd.) Innerhalb weniger Sätze wird also „quasi-schlüssig“ was zuvor nur vage vermutet worden war. Zu erfahren, wie der Autor zu diesem Schluss gelangt, wäre ebenso interessant wie die Sexualmoral in Cambridge zu Zeiten Wittgensteins näher zu untersuchen. Dies ist im Buch aber nicht geschehen. Ebenso wenig wurden weder die verschiedenen Sichtweisen auf Wittgensteins Sexualität hinreichend dokumentiert, noch sind die sich widersprechende Positionen der Wittgenstein-Literatur in Relation gestellt worden. Dieses Manko durchzieht das Buch in problematischster Art und Weise.

Heutzutage dürfte die Frage von Wittgensteins Homosexualität zumindest für die intellektuelle Öffentlichkeit unspektakulär sein. Und insofern ist auch die Frage, ob er homosexuell war oder nicht ohne Belang. Vielmehr stellt sich die viel diffizilere ethische Frage der Berechtigung einer öffentlichen Auseinandersetzung über Wittgensteins Sexualität. Angenommen, er war homosexuell, dann hat er bewusst nicht darüber sprechen wollen, wie der gesamte Textkorpus deutlich indiziert. Über Masturbation finden wir einige Bekenntnisse in Wittgensteins Werk – warum dann nicht auch über seine angebliche Homosexualität? Dies wäre eine Folgefrage an alle Unterstützer der Homosexualitätsthese. Und wenn Wittgenstein darüber nicht hat sprechen wollen, müssen wir dies heutzutage nicht mehr respektieren? Inwiefern ist es überhaupt legitim, diese privaten Aspekte zu thematisieren, insbesondere dann, wenn diesen keine Bedeutung beim Erschließen seines philosophischen Werkes zukommt? Und wenn wir es als legitim betrachten, dürfen wir ihn dann auch als „schwul“, „homoerotisch“ oder „asexuell“ verorten, ohne dies hinreichend belegen zu können? Zur Ethik der Privatsphäre findet sich in dem Begleitbuch bedauerlicherweise kein Wort. Es scheint so, als ob man dies nicht einmal ansatzweise reflektiert hat. Aber gerade das wäre mehr als notwendig gewesen, wenn man Wittgenstein hätte gerecht werden wollen, insbesondere deshalb, weil ethische Fragen für ihn eine geradezu „todernste“ Angelegenheit und zugleich von allergrößter Bedeutung waren.

Was ist aber nun der Nutzen einer solchen Vorgehensweise? Eine weitere Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung? Wenn ja, zu welchem Preis? Auch die von Fürst ansatzweise genannte Option eines „offenen Geschlechterkonzepts“ ist nicht wirklich zum Tragen gekommen. In der Gesamtbetrachtung des Begleitbuches wird Wittgenstein der Schwulenbewegung zugeordnet. Er wird sozusagen als Bestandteil einer marginalisierten Geschlechtergruppe inkorporiert. Dies ist mehr als bedenklich, auch wenn dies weit dezenter vonstatten geht als bei Bartley oder Monk. Mit Wittgensteins Person wurde faktisch in Berlin staatlich geförderte Identitätspolitik wider den durch sein Verhalten ersichtlichen Willen des Denkers betrieben. Das Museum übertrat hier die Schwelle belegbarer Übermittlung. Dies ist mehr als ärgerlich, denn – wenn man dies denn schon thematisieren will – eine saubere Dokumentation der verschiedenen Positionen zu Wittgensteins Sexualität in der Literatur sowie eine detaillierte Gegenüberstellung einzelner Textpassagen unter Hinzufügung der Erläuterung der Quellenlage hätte dem Leser selbst erlaubt, sich eine Meinung zu bilden. Unter dieser Prämisse hätte man die endgültige Beantwortung der Frage nach Wittgensteins Sexualität wahrheitsgemäß betont offen lassen müssen. Dann wäre man sozusagen dem Konzept eines „offenen Geschlechterkonzepts“ als Minimalforderung gerecht geworden. Hier wurde eine große Chance vertan. Bei Hinzuziehung wissenschaftlicher Beratung wären solcherart Mängel vermeidbar gewesen. Mit Joachim Schulte und Michael Nedo waren zwei hervorragende Wittgenstein-Kenner als Beiträger für den Katalog Teil des Projekts und hätten sicherlich auch die beiden Herausgeber wissenschaftlich beraten können. Kulturepochen und Werkschauen lassen sich kaum historisch werkgetreu und inhaltlich seriös entlang der Faktenlage ohne wissenschaftliche Begleitung und Überlegungen sowie die Bewertung der Quellenlage darstellen. Falls die Richtlinien der Kulturstiftung des Bundes eine solche wissenschaftliche Beratung bis dato nicht vorsehen, wäre hier ein Umdenken dringend angebracht.

Wenn man von diesen – wenn auch äußerst schwerwiegenden – Mängeln absieht, muss man den Herausgebern zugestehen, dass ihnen die Darlegung des breiten Spektrums von Interessen und Talenten Wittgensteins gelungen ist. Dabei war es ihr Leitmotiv, die Fährte des Denkers einerseits als ein Denken in räumlicher Bewegung als auch andererseits seine inhaltliche Bewegung im Denken aufzuzeigen. Man kann bei genauem Hinsehen nicht sicher sein, ob die biographischen Ortswechsel die inhaltlichen Veränderungen in seinem Denken anregten oder ob mancher Denkortwechsel Ausdruck der Notwendigkeit eines neuen Ansatzes, also einer Zäsur im Denken war. Von Wittgenstein selbst wissen wir, dass er sich nicht in der Lage sah, sukzessiv zu arbeiten, sondern sich vielmehr sprunghaft von verschiedenen Seiten einem Thema annäherte. Das Ordnen seiner Gedanken empfand er als quälerischen Prozess, der ihn immer wieder zum Neuanfang zwang. Mit Gewissheit lässt sich festhalten, dass die Revisionsfähigkeit seiner Gedankengebäude ebenso zu seiner Philosophie gehörte wie die radikale Umkehr der zugrunde liegenden Denkkonstruktion. Diese denkerische Kraft zum Richtungswechsel nährt den Mythos Wittgensteins bis heute zu einem erheblichen Anteil. Der ständige Wechsel seiner Aufenthaltsorte als auch seiner Denkansätze können insofern auch ganz im Sinne der Konzeption von Jaspers und Drehmel berechtigterweise als entscheidende Dreh- und Angelpunkte in Wittgensteins Werk angesehen werden. Der Meisterdenker selbst sprach 1931 davon, dass „[d]er Philosoph (...) nicht Bürger einer Denkgemeinde“ [Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen zur Philosophie, Bemerkungen zur philosophischen Grammatik, Wiener Ausgabe Bd. 4 (hrsg. von Michael Nedo), Wien; New York 1995, 173.] sei und hat damit zugleich eine Antwort auf die Berliner Verortungsbemühungen gegeben, wie Michael Nedo zurecht in seinem Beitrag hervorhebt.

Der Katalog erhebt selbstredend keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dies wäre bei einer Person wie Wittgenstein auch nicht möglich. Und dennoch begeistert das Buch insbesondere durch seine große Anzahl von aus dem In- und Ausland zusammengetragenen Abbildungen, großen Schwarz-Weiß-Fotos der Familie sowie Aufnahmen der verschiedenen Aufenthaltsorte, Zeichnungen, Werk-Faksimiles, Konstruktionszeichnungen, Architekturskizzen bis hin zu diversen Filmfotografien mit Bezug zu Wittgenstein. Für diese Mühen muss man den Herausgebern uneingeschränkt Respekt zollen, ebenso für die sehr ansprechende Gestaltung des Katalogs. Nicht wirklich überraschend ist, dass die biographische Verortung und Darstellung von Persönlichkeit und Lebensweg Wittgensteins mittels des zusammengetragenen Materials am besten gelingt. Die Erschließung des kultur- und geistesgeschichtlichen Kontextes seiner Epoche wird aufgrund der erzwungenen Verkürzung schon deutlich schwieriger, der Versuch seine Philosophie in seinen Grundzügen darzulegen, gelingt nur in Maßen. Zu oft bleiben einzelne Gedanken allein im Raum stehen, finden deskriptive Erläuterungen zu gewissen konzeptionellen Schwerpunkten der Wittgensteinschen Philosophie nicht ausreichend statt. Genau hier stößt das vielleicht zu ambitionierte Unterfangen zwangsweise auf weitere Schwierigkeiten, die auch die Frage nach dem Zielpublikum aufkommen lässt. Manche Aufsätze wenden sich offensichtlich an den interessierten Laien, andere wie der Aufsatz „Performative Akte, Gesten und Befehle“ von Joachim Schulte wohl eher an ein Fachpublikum. An dieser Stelle scheint der Katalog nicht hinreichend durchdacht, denn Schultes durchaus inhaltlich gelungener Aufsatz gehört aufgrund seines Anspruchs in ein Fachorgan und nicht in einen zum Leben und Werk Wittgensteins hinführenden Ausstellungskatalog. Ein wenig kommt der Eindruck auf, dass sich hier die Herausgeber tendenziell mit dem Hinzuziehen renommierter Autoren absichern wollten.

Merkwürdigerweise sind aber gerade diejenigen Beiträge für den Zweck eines Einführungskatalogs am stärksten, die sich vom Ehrgeiz des textbezogenen Verortens lösen oder über dieses hinausgehen und sich frei der Darstellung von Werks-, Rezeptions- oder Lebensaspekten Wittgensteins widmen. Dies ist beispielsweise in den Kapiteln „Alone and unobserved. Respons zu Wittgenstein in Kunst und Medien“ von Yvonne Spielmann sowie „Zwischen Schweigen, Wissenschaft und alltäglichem Reden. Ein persönlicher Essay zu Wittgensteins Denken über Religion aus theologischer Perspektive“ von Kurt Studhalter der Fall, und mag auch daran liegen, dass Wittgenstein sich im Gegensatz zu allen textnahen Verortungsbemühen keiner geistigen Strömung seiner Zeit fest angeschlossen hat. Er entzieht sich jeglicher Fixierbarkeit, was naheliegt, wenn man bedenkt, dass er sein Leben lang keine philosophische Theorie im Sinne der akademischen Philosophie ausbuchstabiert hat, sondern vielmehr Philosophie als Praxis im Sinne des „Arbeitens an Einem selbst“ verstand.

Philosophie war für Wittgenstein letztlich als eine Art Therapie zu begreifen, die einerseits „Begriffsverwirrungen“ auflöst und somit Missverständnisse beseitigt, und die andererseits versucht, die eigenen Probleme des Lebens zu lösen, in dem sie diese zum Verschwinden bringt. Diese Probleme des Lebens und die begrifflichen Missverständnisse der Sprache erkannt und thematisiert zu haben, macht Wittgensteins Genie aus und erklärt zudem, warum neben Wissenschaftlern insbesondere auch Literaten, bildende Künstler, Komponisten, Musiker, Religiöse etc. bis heute von ihm fasziniert sind. Da er für alle Leser schreibt, die sich ähnliche Gedanken machen wie er, dient seine Philosophie als Inspirationsquelle für viele Disziplinen. Der großzügig ausgestattete und schön gestaltete Katalog ist zweifelsohne eine sich an die breite Öffentlichkeit wendende Werbung für den Denker Ludwig Wittgenstein und die sich mit seinem Werk beschäftigende Wittgenstein-Gemeinschaft.

 

© Ulrich Arnswald