Ilse Somavilla (Hrsg.): Begegnungen mit Wittgenstein.

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Ilse Somavilla (Hrsg.): Begegnungen mit Wittgenstein. Ludwig Hänsels Tagebücher 1918/1919 und 1921/1922, Innsbruck: Haymon 2012, 218 Seiten mit zahlr. Abb., ISBN 978-3-85218-6023

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

 

„Der heutige Tag ist besetzt von einer neuen Bekanntschaft. Lt. Witgenstein, nervös, aufgeregt, von seinen Ideen eingenommen, 6 Jahre Cambridge, Mathem. u. Phphie. Russell. Algebra der Logik.“ (44), trägt Ludwig Hänsel in sein Tagebuch im Gefangenenlager bei Monte Cassino mit dem Datum 11.-13.2. des Jahres 1919 ein. Dieser erste Eintrag zu Wittgenstein, noch dazu mit dem falsch von Hänsel geschriebenen Namen „Lt. Witgenstein“ nimmt in keiner Weise das große Ansehen vorweg, das sich dieser bei Hänsel in kürzester Zeit erwerben sollte und ihn zu einer Art Leitstern in dessen Leben werden ließ.

Im Gegenteil. Dieses erste Zusammentreffen mit Wittgenstein lässt eher ein jähes Ende der Bekanntschaft vermuten, wenn man Hänsels Wiedergabe der leicht penetranten Annäherung Wittgensteins folgt:

Geht mich nach der pathetischen Klopstock-Vorlesung Jungwirths, da ich gerade mit der „Notwendigkeit“ innerlich und mit dem „Satz vom Grunde“ beschäftigt an dem Gralpfeiler bei der Kapelle in der Vorm. Sonne lehne, an und bekennt bald, daß er mit meiner Logik und mit Höfler und Meinong nicht einverstanden ist. Langer Disput, in dem er mich nicht überzeugen kann, daß die Existenzbehauptung von einem einfachen Ding keinen Sinn habe. Nachm. erwarte ich ihn neben Krammelhöfer auf dem Sessel in der Sonne (beim Maschinenhäuschen). Und in der CD Messe setzt er mir die Algebra der Urteile, ihre Umwandl’g u.s.w. auseinander, ergebe mich auch in Widerstrebendes, finde aber nun, daß mein Widerstand, den ich für Mangel an Denkgeläufigkeit gehalten hatte, doch recht hat. (44)

Trotz dieses kritisch-spannungsgeladenen Beginns der Beziehung, die unverblümt mit der Zurückweisung der Logik Hänsels beginnt und schon vom Selbstbehauptungswillen beim Zusammentreffen dieser beiden Persönlichkeiten zeugt, wird die Verbindung zu Hänsel am Lebensende eine der längsten Freundschaften Wittgensteins sein. Eine Freundschaft, die in der gemeinsamen italienischen Kriegsgefangenschaft entsteht und die von diesem Moment an zeitlebens anhält und Wittgensteins vielfache Umzüge, Neubeginne und Umbrüche übersteht. Das gegenseitige Festhalten aneinander und die aufkommende Intensität der Freundschaft werden schnell ersichtlich, wenn man einen Brief Hänsels aus der Kriegsgefangenschaft an seine Frau Anna, genannt Nantschi, vom 20. Februar1919 zurate zieht, der nur wenige Tage nach dem ersten Kennenlernen geschrieben, bereits davon spricht, dass Wittgenstein und er „fast die ganze Zeit beisammen sind“. Ilse Somavilla, die Herausgeberin der Begegnungen mit Wittgenstein, führt dieses Schreiben zu Recht im Kommentar an:

Ich habe einen jungen (30jährigen) Logiker kennen gelernt, der gedanklich bedeutender ist als alle etwa Gleichaltrigen vielleicht überhaupt als alle Menschen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe – ernst, von edler Selbstverständlichkeit, nervös, von einer kindlichen Fähigkeit, sich zu freuen. – Er heißt Wittgenstein. Seine Ideen, die er mir systematisch vorträgt, kommen nun in der Gewißheit, die ich aus Schell gewonnen und so ziemlich bewahrt habe, in die Quere – so groß seine Ehrfurcht vor dem Religiösen ist – und ich muß abwarten, wie ich sie vertragen werde. Zudem habe ich, da wir fast die ganze Zeit beisammen sind, wenig Zeit übrig. (140)

Bereits diese beiden hier angeführten Dokumente machen deutlich, welche Bedeutung den Tagebüchern Ludwig Hänsels für die Wittgenstein-Forschung zukommt. Nach dem Briefwechsel der beiden Freunde, 1994 von Ilse Somavilla, Anton Unterkircher und Christian Paul Berger herausgegeben und gleichfalls im Innsbrucker Haymon Verlag unter dem Titel Ludwig Wittgenstein. Eine Freundschaft. Briefwechsel, Aufsätze, Kommentare erschienen, schließt der vorliegende Band eine weitere Forschungslücke.

Die intensive Freundschaft, die sich in den Tagebüchern in Form sehr intimer Einträge zu leidenschaftlichen Gesprächn über philosophische Probleme, vor allem aber über religiöse Fragen widerspiegelt, ist alles andere als spannungsfrei. Die Aufzeichnungen verdeutlichen aber, mehr als bis dato in der Wittgenstein-Gemeinschaft angenommen, die Bedeutung von Ludwig Hänsel für Ludwig Wittgenstein. Insbesondere erschließt sich erstmals, mit welcher Literatur Wittgenstein durch Hänsel in Verbindung getreten ist bzw. über welche Werke sie sich detailliert austauschten: Immanuel Kant, Baruch de Spinoza, Augustinus, Friedrich Nietzsche, Gottlob Frege, Bernard Bolzano, Otto Neurath, Otto Weininger, Oswald Spengler sind u.a. Gegenstand von den in den Tagebüchern festgehaltenen Diskussionen, aber auch Hinweise auf René Descartes, John Locke, George Berkeley, David Hume, Søren Kierkegaard, Johann Gottfried Herder und sogar Hans Blüher sowie Hermann Cohen finden sich dort.

Zum ersten Mal wird nachvollziehbar, dass Wittgenstein sich mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Anregung Hänsels mit Kants Kritik der reinen Vernunft auseinandergesetzt hat. Hänsels Kant-Verehrung zeigte sich deutlich in dessen Vorträgen zu Kants Philosophie im Gefangenenlager, und es ist leichthin seine Euphorie zu erfassen, wenn er im Tagebuch niederschreibt: „Kant im Kopf und die Augen voll Freude.“ (17) Zudem dürfte Wittgenstein erst durch Hänsel mit einer Reihe von Autoren der Weltliteratur, wie u.a. Arnold Zweig, Selma Lagerlöf, Jean Paul, Anatol France, Johann August Strindberg oder André Gide, in Kontakt gekommen sein, ebenso lassen Hänsels vielfache Verweise auf Kirchenheilige, wie z.B. Theresa von Avila oder Rosa von Lima, dessen tiefe Verankerung im Katholizismus nachvollziehen, die Wittgenstein in dieser Form bis dahin – obwohl religiös bereits bei Tolstoi und Dostojewski suchend – fremd gewesen sein dürften und die er vermutlich erst durch Hänsel rezipiert hat.

Ludwig Hänsel (1886–1959), der später eine Karriere als Mittelschullehrer machte, sich bis zum Direktor einer Wiener Realschule hocharbeitete und nach seiner Pensionierung zudem einen Lehrauftrag an der Universität Wien übernahm, war wesentlich gebildeter als bis dato in der Forschung angenommen. Man muss ihm wohl eine außerordentliche Belesenheit attestieren, auch wenn die Tagebücher zuerst sehr überbordend und leicht chaotisch Namen und Werke versammeln, und erst mit dem Eintreten Wittgensteins in Hänsels Leben sich besser strukturiert darstellen. Es wirkt geradezu, als ob der Einfluss des neuen Freundes auch eine geistige Neuausrichtung mit sich brachte und Hänsel eine Hebung des Gesichtspunktes erfuhr. Der Eintritt Wittgensteins in Hänsels Leben ist jedenfalls stilistisch als eine deutliche Zäsur in dessen Tagebüchern bemerkbar, da dieser Gedanken Hänsels erheblich klarer werden lässt.

Während Hänsel vermutlich von Wittgensteins logischer Strenge, seinem unerbittlichen Anspruch an Askese, seinem rigorosen Suchen nach religiöser und ethischer Erkenntnis geprägt wurde, dürfte dieser für Wittgenstein als mitfühlender Freund von größter Wichtigkeit gewesen sein. Die beratende Funktion Hänsels, dessen Meinung Wittgenstein ganz offensichtlich anregte, wie die Tagebücher zeigen, lässt sich am besten an dessen Vermittlerrolle zwischen dem Freund sowie dessen Mutter und Geschwistern festmachen, durch die vor allem in Wittgensteins Zeit als Volksschullehrer in Niederösterreich der Kontakt der Familie zu Ludwig aufrecht erhalten wurde.

Der Band belegt, wie wichtig Hänsels Freundschaft für Wittgenstein war und unterstreicht die Dimension der von den Freunden diskutierten ethischen, vor allem aber religiösen Fragen, die nicht allein als philosophische, sondern auch als persönliche Probleme eine Rolle spielten.

Die Worte, mit denen Hänsel 1922 sein Tagebuch schließt, sind in ihrer Nähe zu Wittgenstein unverkennbar:

Und ich? Formlos obwohl ich Form, strengste Form anerkenne. Haltlos, obwohl ich in der Schule gegen die Haltlosigkeit wettere. Bewußtlos, dem Augenblick preisgegeben, Ordnungslos. Aber meine Ordnung – würde sie nicht ein armseliges Philistertum (wie es übrigens auch meine Unordnung ist). Sie dürfte sich nie verwirklichen – wird es auch nicht. Sie muß unerreichbar sein (sonst verfiele ich, was ich mir aber doch nicht zutraue, der Zufriedenheit). Aber näher kommen sollte ich ihr, der obersten Ordnung. (110)

Der vorliegende Band ist gut ausgestattet und mit großer Sorgfalt besorgt worden. Die Kritik beschränkt sich nur auf zwei Punkte: Leider fehlen bei den Anmerkungen die entsprechenden Seitenangaben, so dass sich beim Lesen nicht problemlos die Stellen im eigentlichen Text finden lassen. Dies war in früheren Haymon-Ausgaben benutzerfreundlicher geregelt. Bedauerlich ist auch, dass Verweise auf ein Bild im Bildteil (wie z.B. auf S. 148, Zeile 11) ins Leere führen: was sich auch nicht dadurch entschuldigen lässt, dass der Verlag in letzter Minute den Bildteil aus Kostengründen verringern musste. Von diesen geringfügigen Fußnoten abgesehen ist das Werk jedoch uneingeschränkt zu loben.

Besonders positiv hervorzuheben ist, dass im Register mögliche Ambivalenzen deutlich benannt und als solche belassen wurden. Anstelle sich spekulativ festzulegen, auf was sich der Text beziehen könnte, benennt Somavilla die möglichen Varianten und überlässt dem Leser, welche Erläuterung er für wahrscheinlicher betrachtet. Der Umfang und die generelle Genauigkeit des Kommentars nötigt einem zudem Respekt ab. Somavilla bietet dem Leser einen weit über den üblichen Umfang hinausgehenden Kommentar, der u.a. auch das Leben der diversen Protagonisten in nuce zusammenfasst und eine Liste der jeweils wichtigsten Werke und Schriften zur jeweiligen Person anbietet. Dies ist äußerst leserfreundlich und bei weitem kein Standard.

Der Band enthält zudem einen Bildteil, der dem Leser ein Gefühl für die Zeit sowie die Örtlichkeiten verschafft. Neben Familienfotos der Hänsels, einigen Fotos Wittgensteins sowie Ansichten aus den Orten Niederösterreichs, in denen er als Lehrer tätig war, finden sich insbesondere Bilder aus Cassino, die einem sowohl eine Idee vom dortigen Gefangenenlager als auch von der imposanten Kloster-Anlage Montecassino verschaffen. Ebenso bekommt man einen Eindruck von Hänsels Tagebüchern selbst, von denen einige Frontispize als auch exemplarische Seiten abgedruckt sind. Schließlich ist dem Band noch ein hilfreicher Aufsatz der Herausgeberin zur Verortung der Tagebücher im Kontext von Wittgensteins Werk beigegeben.

An dieser Stelle sei auch der Haymon Verlag hervorgehoben, der seit Jahren Arbeiten von größter Wichtigkeit für die Wittgenstein-Forschung verlegt. Dieser kleine Innsbrucker Verlag verrichtet Dienste, die manchen Großverlagen gut zu Gesicht stehen würden. Sollte die Republik Österreich Staatspreise für Verlage vergeben, dann wäre der Haymon Verlag unbedingt sowohl für die gestalterische und herstellerische Qualität seiner Bücher als auch für seine Verdienste um die Forschung in Betracht zu ziehen.

Die Begegnungen mit Wittgenstein sind nicht nur ein Muss für alle Wittgenstein-Forscher sowie die philosophischen Fachbibliotheken, sondern das Buch gehört darüber hinaus aufgrund der ausgiebigen Literaturdiskussionen sowie der religiös-ethischen Auseinandersetzungen in jede gut ausgestattete Bibliothek für Germanistik und Theologie.

 

© Ulrich Arnswald