Christopher C. Robinson: Wittgenstein and Political Theory

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Christopher C. Robinson: Wittgenstein and Political Theory. The View from Somewhere, Edinburgh: Edinburgh University Press 2011, vii + 195 Seiten, ISBN 978-0-7486-4298-4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Wenige Werke der Wittgenstein-Forschung befassen sich mit dem Politischen. Unter diesen ist die Zahl derjenigen, die den Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein mit der Politischen Theorie verknüpfen, verschwindend gering. Insofern ist Christopher C. Robinsons Buch mutig, obwohl man sich von der ersten Zeile an fragt, wie ein „Philosoph der Praxis“ mit seiner hinlänglich bekannten aphoristischen Schreibweise, der zudem jegliches Philosophieren als eine sehr persönliche Aktivität verstand, in Beziehung zur Theorie gesetzt werden soll.

 

Ausgangspunkt ist das bereits über vierzig Jahre alte Werk Wittgenstein and Justice von Hanna Fenichel Pitkin [Wittgenstein and Justice. The Significance of Ludwig Wittgenstein for Social and Political Thought, Berkeley; Los Angeles; London 1972],das tatsächlich Wittgensteins Philosophie zur Ausarbeitung eines eigenen Entwurfs nutzt, über den man allerdings streiten kann, ob er als Theorie qualifiziert oder bescheidener in Pitkins eigenen Worten als “intellectual journey”[vgl. ebd., Vorwort, viii]durch Wittgensteins Philosophie gesehen werden kann. Richtig ist dennoch, was Robinson “to consider the ‘significance’ of Wittgenstein’s philosophy for the enterprise of theorizing” (1) nennt. Allerdings hat Pitkin nicht von ungefähr den Untertitel ihres Buches mit “The Significance of Ludwig Wittgenstein for Social and Political Thought” wesentlich zurückhaltender gewählt.

Dementsprechend zielt Wittgenstein and Justice darauf ab, die potentielle Bedeutung der Philosophie Wittgensteins für unser politisches und soziales Denken zu untersuchen [vgl. ebd., vii].Das Wort „Theorie“ in Bezug auf Wittgensteins Werk wird bewusst vermieden, wie bereits in der Einleitung ausdrücklich betont wird: “Yet his investigations can yield insights of the most fundamental significance for social and political theory”. (1) Und zugleich wird hervorgehoben, dass Wittgenstein niemals beansprucht hat, eine neue Theorie zur Interpretation bekannter Fakten entwickeln zu wollen [vgl. ebd., 1].

Hier liegt auch die Schwierigkeit des Ansinnens des Autors: Während Wittgenstein zweifelsohne große Relevanz für das Politische Denken hat, läuft die Verortung im Feld der Politischen Theorie dem Geist seiner Philosophie zuwider. Fairerweise muss man Robinson zugestehen, dass er selbst auf diese Schwierigkeit zu Beginn des Buches aufmerksam macht: “Wittgenstein did not talk about politics in any specific way, and his remarks regarding theory where anything but positive.” (1) Dennoch lässt der Autor die von ihm selbst extrem hoch aufgelegten Latte unverändert: Er will nicht weniger, als Wittgensteins Werk als Bestandteil der Politischen Theorie plausibel machen. Dies ist zweifelsohne ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen und übersteigt bei weitem das Anliegen des in diesem Kontext recht bekannten Artikels “Wittgenstein and Political Philosophy” von James Tully [„Wittgenstein and Political Philosophy“, in: Political Theory, Vol. 17, No. 2, May 1989, 172–204],der Wittgensteins Werk in Anknüpfung an ähnliche Ansätze bei Quentin Skinner, Charles Taylor und Jürgen Habermas ebenso wie Hanna Pitkin im Feld des Politischen Denkens belässt.

Als Kronzeugen für sein ambitioniertes Unternehmen führt Robinson die Arbeiten von Chantal Mouffe, Robin Holt, Simon Glendinning und Nigel Pleasants an, die Wittgenstein “for better and for worse” (3) im Diskurs der Politischen Theorie der Gegenwart verankert hätten. Zudem sieht er in den Philosophischen Untersuchungen ein exemplarisches Beispiel eines neuen Ansatzes gegenwärtigen Theoretisierens, der angeblich darauf basiere, das sowohl Politik als auch das politische Leben ohne regulative Ideale wie „das Politische“ auskommen, wie sie die westliche Geistesgeschichte des Politischen Denkens einst ausgemacht hätten. In Form „eines Reisens durch Sprachspiele“ meint der Autor vielmehr ein „immanentes Theoretisieren“ vornehmen zu können (vgl. Kap. 1), das sich rein aus konzeptionellen Einsichten nährt. Demnach wäre beispielsweise jede ideengeschichtliche Nachzeichnung sich verändernder Begriffe bereits eine Theorie. Politik selbst – angeblich im Sinne Wittgensteins – versteht Robinson vage als eine „formbare, nicht-ganzheitliche und facettenreiche Realität“ (6), die von den Menschen ausschließlich in ihrer sprachlich verfassten Welt betrieben wird.

Andere Einsichten – besser Highlights – beinhalten Aussagen wie: “The concept of justice is not so much a product of theoretical seeing as it is a matter of hearing and attending to calls for justice and protests against injustice from within political practices or the language-game labeled by Lyotard as ‘the game of the just’ […]” (24); “What I want to say here is that language feels pain and seeks to mend itself […]” (47); “For Wittgenstein, the states of reading and not reading are neither static nor categorical. Upon closer examination, we see that there are transitional states uniting the two poles. This is conceived as an important starting point for philosophical description.” (128); “If the activity of political theory is to be the theorizing (read: investigation) of politics, then the mode of activity must possess the mobility and perceptual sensitivity to pursue its subject.” (151) Diese Schlüsse bedürfen keiner weiteren Erläuterung, man kann sie getrost kommentarlos dem Leser überlassen. Auch wenn Robinson sehr wenig gelingt, gelingt es seinem Buch zumindest ungewollt gut, zu einem starken Plädoyer für die Notwendigkeit von Logik in der Philosophie zu werden.

Ungläubig bestaunt man bahnbrechende Erkenntnisse wie in folgender Passage: “First, political action and institutions are in no need of theoretical justification. It is a matter of false intellectual chauvinism to think otherwise. Second, theorizing as an activity does not require a group or political movement to justify its worth. Such a contention implies a denigration of theorizing.” (41) Hier kann wahrlich nur jeder Diktator applaudieren, der ebenso keinen Grund für eine Rechtfertigung seines politischen Handelns sowie der Institutionen seines Regimes sieht. Robinsons Aussagen könnten zur Erheiterung beitragen, wenn es ihm nicht ernst damit wäre. Man fühlt sich irgendwie an die Sokal-Affäre erinnert, die im Deutschen unter dem schönen Titel Eleganter Unsinn [Alan D. Sokal / Jean Bricmont, Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen, München 1999] dokumentiert wurde.

Dies alles lässt sich bei weitem nicht mehr einfach nur als begriffliche Unschärfe deklarieren. Hier liegt mehr als nur ein falsches Verständnis Wittgensteins zugrunde. Äußerst freundlich formuliert, könnte man es unter “extremely weak thought” verbuchen: Weder ist das Durchwandern von Sprachspielen ein „immanentes Theoretisieren“ (was auch immer dies denn überhaupt sein soll), es erscheint doch wohl eher eine contradictio in adiecto zu sein, noch ist Politik ein Formen einer sprachlich verfassten Realität – auch hier fragt man sich, was damit gemeint ist. Noch abstruser ist die Vorstellung, dass anstatt von der Realität zu abstrahieren, der gegenwärtige Ansatz des Theoretisierens einer sei, der zurück in das Dickicht der Mannigfaltigkeit führen und in diesem Gewirr Dinge beschreiben soll, die sich dann aus sich selbst heraus erklären. Dementsprechend heißt es: “Political Theory is rooted in perceptual activities that Wittgenstein illuminates and describes with a thickness that no other theorist can match.” (145) Warum muss man dann aber überhaupt Theoretisieren? Könnte man nicht einfach alles laufen lassen, wenn diese Bemühung so oder so kein Abstrahieren beinhaltet?

Die Betonung, dass Mouffe, Holt, Glendinning in ihren Büchern Wittgenstein als einen Philosophen sehen, der Theoretikern aufzeigt, wie man mit sozialen und politischen Problemen philosophisch umgehen kann, verortet Wittgensteins Werk gleichfalls noch keineswegs in der Politischen Theorie, auch wenn Robinson ausdrücklich diese Sichtweise einnimmt. In Pleasants Fall, dem vierten aufgeführten Zeugen des Autors, wird es komplexer: Hier ist bei Robinson eine ex negativo-Überlegung am Werk, da die Zuschreibung des Werks Wittgensteins zur Theorie oxymoronisch sei – soll heißen: Pleasants sieht in Wittgenstein einen ausgesprochenen Anti-Theoretiker, der der Politischen Theorie ablehnend gegenübersteht und dessen Bezugnahme für die politische Theorie ein Widerspruch, wenn nicht gar eine Abstrusität darstellt, wobei gerade Pleasants Gegenposition wiederum sein Werk für Robinson zu einem Beleg für die Bedeutung Wittgensteins für die Politische Theorie werden lässt. Kurzum: Die Verneinung eines Bezugs wird zur Bestätigung seiner Denkbarkeit.

Die gesamte Argumentation zu Wittgensteins Verhältnis zur Politischen Theorie ist gänzlich fruchtlos, da niemand ernsthaft bestreiten will, dass Wittgensteins Philosophie einen Einfluss auf diese haben kann – dies macht sein Werk aber weder zu einem Teil der Politischen Theorie noch verlangt seine Philosophie deshalb dem Feld eine zwingende inhaltliche Auseinandersetzung ab. Eigentlich ist es banal: Niemand kann verhindern, dass sich politische Theoretiker von Aspekten des Wittgensteinschen Werkes inspirieren lassen, allerdings liefert Wittgenstein weder eine Theorie noch müssen seine begrifflichen Untersuchungen, die durchaus Aspekte politischen Denkens beinhalten, zwingend in die Debatte des Feldes der Politischen Theorie einfließen. Mehr lässt sich dazu eigentlich nicht sagen. Genau dies will Robinson bei seinen manchmal schon krampfhaften Theorieverweisen aber nicht wahr haben. Einmal auf das Thema eingeschossen, lässt er nicht einmal von der steilen These ab, dass Interessenten von Strategien politischer Visionen in einem Zeitalter, in der die Politik durch Bürokratie substituiert würde, bei Wittgenstein fündig werden können. Besser noch: “Broadly, the argument I will cull from Wittgenstein is that if politics has ceased being the predominant form of order and has become a mode of resistance against bureaucratic formalism and statism, then the activity of theorizing politics has to be similarly transformed from a fixed perceptual stance to a travelling perceptual performance.” (98) Wie eine „wahrnehmende Einstellung“ sich zu einer „wandernden wahrnehmenden Erfüllung“ im Rahmen der Tätigkeit des Theoretisierens von Politik transformiert, dies kann der Rezensent zu seinem großen Bedauern nicht erklären. Nur eines erscheint ihm recht sicher: Dies alles hätte Wittgenstein wohl kaum gewollt.

Im Kern liegt das Drama dieses Buches in einem extremen Kardinalfehler, der es von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht: Robinson hat nie geklärt, was Theorie eigentlich ist. Theorie ist ein abstraktes, vereinfachtes Bild der wahrgenommenen Wirklichkeit und keine Abbildung einer „formbaren, nicht-ganzheitlichen und facettenreichen Realität“. So basal und banal sich dies auch anhört: nur weil man etwas in Beziehung zu etwas setzen kann, wird es kein Bestandteil dessen. Selbst die Reduktion politischen Denkens zu einer „Proto-Theorie“ kann diese falsche Logik nicht retten. Die Behauptung, man habe es bei Wittgenstein mit einem neuen Ansatz des Theoretisierens zu tun, der aus der Fülle der mannigfaltigen Realität schöpfen könne und nicht länger der “necessity of critical distance to produce a theory of political society” (16) nachgehen müsse – deshalb der Untertitel von Robinsons Buch “The View from Somewhere” in Kontrast zu Thomas Nagels hinlänglich bekanntem Buchtitel The View from Nowhere – ist eine klare Verkennung des Konzepts, was wir in den Wissenschaften Theorie nennen. Damit bricht die Hauptthese des Buches krachend in sich zusammen.

Dieser gravierende Kategorienfehler ist für den Leser mehr als bedauerlich, denn Robinson hätte durchaus einige interessante Aspekte zur Wittgenstein-Forschung beisteuern können, wenn er sich beispielsweise auf die Aufarbeitung des Wittgenstein-Verständnisses in den Werken von Chantal Mouffe, Robin Holt, Simon Glendinning und Nigel Pleasants konzentriert hätte. Sein zentrales Argument, dass Wittgenstein eine Reihe von konzeptionellen und kritischen Begriffsuntersuchungen anbiete, die politischen Theoretikern behilflich sein können, wäre zu begrüßen gewesen, wenn er diese Konzepte denn auch elaboriert hätte. Mögliche Kandidaten wie Freiheit, Würde, Widerspruch und Ideologie benennt er zu Recht, die Aufarbeitung solcher Konzepte war ihm aber offensichtlich die Mühe nicht wert. Doch genau dies wäre verdienstvoll gewesen.

Selten hat der Rezensent ein Buch so dramatisch scheitern sehen. Es ist ein trauriges Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man das zu erforschenden Feld thematisch verfrüht festlegt, den eigenen Ansatz nicht hinreichend abwägt und zweifelsohne zudem nicht hinreichend überdacht hat. Mit einem thematisch nicht durchdrungenen Forschungsansatz und der nicht vorhandenen Bereitschaft, im Verlauf einer solchen Arbeit den eingeschlagenen Kurs zu adaptieren, ist ein solches Forschungsvorhaben unwiederbringlich verloren. Wenn man sieht, dass der Autor im gesamten Buch seine Wittgenstein-Interpretation überwiegend über die Sekundärliteratur erschließt (auch die Wittgenstein-Zitate sind in den meisten Fällen der Sekundärliteratur entlehnt), lässt sich vermutlich bereits die Fehlerquelle deutlich einkreisen. Eine textnahe Aufarbeitung anhand der Originalwerke hätte Robinson gewiss vor diesem Desaster bewahren können – allerdings hätte sich der Autor dann einer langjährigen und schwierigen Untersuchung gegenüber gesehen, die mehr Abwägung und mehr Interpretationsleistung verlangt hätte, als lediglich den Verweis auf einige Werke der politischen Theoriebildung, die mehr oder minder Wittgenstein-Gedanken absorbiert haben.

Warum die renommierte Edinburgh University Press dieses Buch gedruckt hat, abgesehen vielleicht von den höchst modischen Verweisen auf Denker der Postmoderne wie Mouffe, Agamben, Deleuze oder Guattari und den daraus zu erwartenden oder erhofften Absatzzahlen, bleibt letztlich ein Rätsel. Der Verlag hat damit weder dem Autor noch der Wittgenstein-Forschung einen Gefallen getan. “I’ll teach you differences!”, dieses Motto aus Shakespeares King Lear, das Wittgenstein einst den Philosophischen Untersuchungen voranzustellen erwog, kann der Autor jedenfalls nicht einlösen. Irgendwie kann man zumindest hier dem Autor selbst das letzte Wort belassen: Sein vermeintlicher “View from Somewhere” endet letztlich im sprichwörtlichen Sinne in einem “View from Nowhere”.

 

© Ulrich Arnswald